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Elisabeth von Heyking

Gedenken an die Freifrau Elisabeth von Heyking

Am 4.Januar 2015, gedenkt der „Verein der Freunde und Förderer des Schlosses Crossen“ der in der Welt wohl bekanntesten Besitzerin desselben, der Freifrau Elisabeth von Heyking, anlässlich der 90. Wiederkehr ihres Todestages am 3. Januar 1925.

In einer offiziellen Veranstaltung, bei Teilnahme von herausragenden Gästen aus der Wissenschaft, aus der Landes- und Kommunal-Politik des Freistaates , von Kennern und Verehrern, wird der wohl bekanntesten und in vier Weltteilen hoch geachteten Schlossherrin, der Freifrau Elisabeth von Heyking gedacht werden.

Sie, eine geborene Gräfin von Flemming und Enkelin der Bettina von Arnim, war schon im ihrer Kindheit oft zu Gast auf dem Schloss ihres Onkels, dem Grafen Edmund von Flemming und ihrer besonders kinderfreundlichen Tante Clementine, wie das in ihren Auftrag erbaute und benannte „ Clementinenhaus“ seit Generationen belegt.

Am 10. Dezember 1861, in Karlsruhe als Tochter des Preußischen Gesandten , Graf Albert von Flemming und seiner Frau Armgart geboren, zeigte sie schon im Alter von 5 Jahren außergewöhnliche Fähigkeiten und hohes Sprachtalent. Zudem hatte sie ein beachtliches Talent im Umgang mit Zeichenstift und Pinsel, so wie ihre Großmutter, Bettina von Arnim. Von ihr hat sie wohl auch die Gabe des genauen Beobachten und den hervorragenden Ausdruck in Wort und Schrift als Erbe auf ihren, alles andere als leichten, Weg des Lebens in die Wiege gelegt bekommen.

So musste sie auf der Landkarte weit nach Norden schweifen, um ihr eigentliches zu Haus, das väterliche Schloss zu Buckow, in der Märkischen Schweiz, zu finden. Das Leben der Kinder von Gesandten war auch zu ihrer Zeit schon ein Leben in der Fremde, welches selbst fremd macht. So war es nicht verwunderlich, dass sie gern ihren Onkel Edmund auf Schloss Crossen besuchte und sehr gern im väterlichen Schloss in Buckow weilte. Einem Ort, dessen Wert besonders in reiner Luft bestand und besteht. Dem König der Preußen sagte sein Leibarzt zu einem Besuch auf Schloss Buckow: „ Hier gehen Ihre Lunge auf Samt, Majestät“. Aber mehr noch, auch dass Schloss selbst, eine Perle der Architektur und der Baukunst, entworfen vom berühmten Karl Friedrich von Schinkel.

Zu jener Zeit, in Kindheit und Jugend, konnte die junge Gräfin Elisabeth von Flemming noch nicht ahnen, welche Tragik die Mauern beider Schlösser, welche sie doch beide so gern hatte, für sie bargen.

Leicht und bis spielend lernend, viel lesend und mit ihrer drei Jahre jüngeren Schwester Irene literarischen Austausch mit Briefen übend, wuchs die „kleine“ Elisabeth mit den nachdenklichen braunenAugen und den tizianroten, langen, lockigen Haar zu einer viel beachteten jungen, wie selbstbewussten Dame der Gesellschaft heran. Sie war begehrter Gast in den Salons der Kunst, wie auch auf den Empfängen des Hochadels bis zu dem Herrscherhaus. Nicht ahnend, wie viel Bosheit und Ränke von den „ freundlichen“ Gesichtern für ihr weiteres Leben verborgen wurde.

Früh, viel zu früh für eine junges Fräulein, verstarb ihre Mutter. Die Gräfin Elisabeth von Flemming war gerade einmal ganze 19 Jahre jung. In einem Alter also, in welchen unabhängig vom Stand, alle Töchter den Rat der Mutter besonders brauchen, um den Verlockungen von unpässlichen Werbern zu entgehen. Das hatte man auch im Hause des Direktors eines Hof-Theaters in Karlsruhe gemerkt, wohl wissend, dass da für einen Sohn eine „gute Partie“ machbar wäre. Eine so wie zufällig gemeinsame Reise der Familien nach Italien, lies dann letztlich auch bei Elisabeth Zuneigung für den intelligenten Ökonom Stephan keimen und die Warnungen von gut meinenden erfahrenen Tanten im Buckower Sand der Mark untergehen.

So fand in Buckow auf dem Schloss die Hochzeit der sich so glücklich wähnenden Elisabeth statt, die ab diesen Tag die Gattin des Habilitanden der Nationalökonomie, Stephan Gans Edler Herr zu Putlitz wurde. Ein Jahr später wurde dem Paar Tochter - Stephanie - geboren. Die „Schnittmenge“ für ein gemeinsames glückliches Leben fehlte jedoch, zumal die Aussicht als Frau eines Universitäts-Professors in Halle an der Saale leben zu müssen, der in die Welt gerichteten Elisabeth zudem keine Erfüllung bot. Sie war, nach den damaligen Etiketten, im goldenen Käfig angekommen, mit der Gewissheit, darin zu verkümmern.

Der ihr im Haus des Nationalökonomen Adolf Wagner begegnende Studienkollege ihres Mannes, der Baron Edmund von Heyking, aus Baltischem Adel, mit dessen Ziel in preußischen Staatsdienst zu treten, faszinierte Elisabeth. Man kam sich näher und ihr Vater sah die Glut zu lodern beginnen. Seine Versuche, dies zu ändern, waren ohne Erfolg und ihr Ehegatte sah keinen anderen Ausweg, als sich nach Aussprache mit dem Nebenbuhler in Schloss Buckow, in der Berliner Wohnung der noch jungen Familie zu erschießen.

Das Ende der freundlichen Gesichter in Adelskreisen begann mit bösen erstarren und....die Hatz der Presse nahm Fahrt auf. Das für geraume Zeit und wie heute noch „ objektiv“ mit: „ vermuten,.hätten..,könnte,.. gehört aus unterrichteten Kreisen..!?

Da die Zeit der 12 Monate nach dem Tod ihres ersten Mannes bis zur Verlobung und zur Hochzeit nur Monate nach dem Tod ihres Vaters vergangen waren, verstärkte die ungeschriebene aber unumstößliche Correctness der Gesellschaft den Wald der Zeitungsblätter zu einem Sturm.

Bis zur Unerträglichkeit für das Fühlen einer Mutter, nahm der Gans Edelgroßvater zu Putlitz, ihre Tochter Stephanie zu sich in das Haus,“..um...das Kind zu schützen und Fürsorge zu gewähren“. Wie sich herausstellte ein Trick,da die Herausgabe der Stephanie an ihre leibliche Mutter nie beabsichtigt wurde.

Durch diese Schlammschlacht getrieben, welche dem Trommelfeuer von Verdun glich, musste sich das junge Paar seinen Weg im Ausland suchen, da die Heimat ihnen ein Leben in ihr verwehrte. Es begann eine Odyssee ohne gleichen....im Dienst des „Deutschen Kaiserreiches“. Vier Erdteile wurden ihr zu Haus und ihre zu recht über das Recht zurückgeklagte Tochter aus dem Haus der Gans Edlen wuchs mit ihren inzwischen beiden Brüdern Alfred und Günther überwiegend in Schloss Buckow auf.

Selbst die überragende diplomatische Leistung des Gesandten Edmund von Heyking, der mit Geschick und dabei ohne Aufgabe des Zieles, mit dem Kaiserreich China erfolgreich einen Pachtvertrages des Gebietes um Kiautschou auf 99Jahre unterschriftsreif dem Deutschen Herrscherhaus vorlegte. Tatkräftig unterstützt von seiner Frau, der hervorragenden Beobachterin des Spieles der Diplomatie der anderen Staaten Sie war auch die erste Frau eines europäischen Landes am Hof des Kaisers von China, welcher sehr von ihr angetan war. Das gemeinsame Zigarettenrauchen mit den Prinzessinnen des Palastes, hat sicher dem Ansehen ihrer Person und so dem Land gedient, das sie mit den Bann belegte, Deutschland!! Ganz typisch für dieses, dass ihren Mann, dem Gesandten Edmund von Heyking, Dank und die gesellschaftliche Anerkennung für diese hohe Leistung versagt wurde.

Der unverwechselbare deutsche Eindruck der Altstadt von Tsingtau wurde auch durch die Einflussnahme des Diplomaten-Ehepaares von Heyking mit geprägt.

Elisabeth von Heyking fand im Schreiben stets wieder zu sich selbst. Sie begann Gedichte auf französisch zu schreiben. So blieb sie im Verborgenen und die Sprache, die nicht mehr ihres Landes war, floss nicht durch ihre Feder. Erst Vertreter der Wiener „Neuen Freien Presse“ sagten ihr, sie müsse Deutsch schreiben, was sie dann auch langsam wieder tat.

Auch das nach China folgende Mexiko war alles andere als ein ersehntes Land für Diplomaten. Sie fühlt sich zunehmend von der Ränkespielen des diplomatischen Dienstes abgestoßen. Sie beginnt die fiktiven Briefe zu schreiben, an drei ihrer Verehrer. Einer war Herr Groote, von dem sie sagte, er war ein Mensch, wie es keinen zweiten gegeben hat. Zunächst für sich geschrieben, wurde ihr deutlich, dass sie einen Brief-Roman geschrieben hatte. Ihr Mann ermunterte sie, diesen anomym zu veröffentlichen. Für Damen der Gesellschaft schickte es sich nicht, von ihnen Geschriebenes unter ihren Namen öffentlich zu machen.

Unter dem Titel „Briefe, die ihn nicht erreichten“ erschien ihre Arbeit 1903 als Buch. Es war der größte Bucherfolg in dieser Zeit. Man kann auch sagen, das erwachte Interesse für ferne Länder in Deutschland um Wissen zu fernen und exotischen Länder traf genau die Entwicklung des Denkens im Land. Und weit darüber hinaus, denn es erschienen im ersten Jahr neben bereits 46 Auflagen in Deutschland. Des Weiteren Auflagen in fast allen Sprachen der Welt, in aller Welt.

Sie hatte nicht nur einen Roman in Briefform zu Romeo und Julia geschrieben, sondern die gesellschaftlichen Zustände der Zeit und vieler Ländern kritisch beleuchtet. Sehr mutig. So schrieb sie im Buch unter anderem : „ Wir Menschen bestehen eben aus solchen, von denen nie annähernd das verlangt wird, was sie zu leisten imstande wären, und aus anderen, an die Anforderungen gestellt werden, denen sie in keiner Weise gerecht werden können“!!

Ein Buch, dessen Inhalt wie ein gebündelter Laserstrahl Zeit, Umstände und Zustände der Aussenpolitik der Europäischen Länder im Streben nach der Hegemonie der Macht, ohne Rücksicht auf die jeweiligen Völker mit List und Gewalt in die Wahrnehmung der Menschen einbrannte. Dies, feinsinnig wie stilvoll geschrieben, von einer Frau mit Stil für Herz wie auch für den Verstand.

Fünf Jahre nach diesen nicht nur Erfolg über sich, sondern insbesondere auch über die sie verurteilende Kaste, endete die Odyssee der Familie Edmund und Elisabeth von Heyking ohne eigenes zu Haus mit dem Erbe der Elisabeth von Schloss Crossen. Gelegen an der Elster in einem wunderschönen Tal und .... weit weg von ihren „Gönnern“, aber nah genug für die wahren Freunde des Hauses.

Mit Feingefühl für das Schöne und für das Wohlfühlen in einem Haus, richtete sie das Schloss ein. Vieles aus ihren langen „Wanderjahren“ fand Verwendung, um das Haus wohnlich und gastlich zu gestalten. Ihre selbst gezeichneten und gemalten Bilder machten das Schloss zu einer Wanderung durch vier Erdteile. Die ererbte vollständige Ausstattung des Schlosses mit Möbeln im Louis-Seize-Stil war eine gute Grundlage, das Haus stilvoll einzurichten.

Elisabeth von Heyking nannte es liebevoll, wie auch sorgenvoll, „ Ihren Weisen Elefanten“, in Anlehnung an Indien, welches lange Jahre ihre „Heimat“ war. Und bekannterweise fressen Elefanten nicht wenig, in Crossen vom Guthaben der Besitzerin des „Weisen Elefanten an der Elster“. Er bot aber auch das Dach für die Verfasserin der Romane „Ille mihi“, “Tschun“ ,die Novelle zu Schloss Crossen „ Die drei Orgelpfeifen“ und andere.

Sie machte das Schloss auf dem Sporn zu einem Zentrum schöngeistig Schaffender sowie hervorragender Persönlichkeiten. Zu Gast auf dem Schloss waren der Schriftsteller Thomas Mann, der Staatssekretär im Auswärtigen Amt Wilhelm Solfs mit Gattin, der Historienmaler Beckmann, der Architekt des Potsdamer Cecilien-Hofes Paul Schultze. Naumburg, der „sächsische Fontane“ Otto-Eberhard Schmad, der Deutsche Gesandte in Lissabon Friedrich Rosen, ihre Schwester Irene Forbes-Mosse, die Familie ihrer Tochter Stephanie von Raumer mit ihren Enkelkindern und ihren Mann Hans von Raumer, auch als der Voltaire Preußens“ genannt, und mehrfacher Minister von Regierungen des Deutschen Reiches von 1919 bis 1933. Nicht Alle können hier genannt werden. Nicht vergessen sollen aber die Büste des Geheimen Rates Johann Wolfgang von Goethe und das Gemälde der verehrten Großmutter, welchen sie täglich frische Blumen brachte.

Das Glück währte nicht lange. 1914 begann das, was von Edmund und Elisabeth vorhergesehen und vielfach in Wort wie Schrift angemahnt wurde. England und Frankreich erklärten Deutschland den Krieg. Edmund von Heyking schrieb auf Schloss Crossen dazu zusammengefasst „ Das wahre England“ . Als sein kleines Werk 1914 erschien, dürfte es für den Frieden zu spät gewesen sein. Auch ihre beiden Söhne Alfred und Günter mussten in den Krieg und....beide fielen in Frankreich. Wie viele Einwohner Crossens, deren Namen - so wie die der Söhne der von Heykings - auf dem Denkmal am Markt stehen.

Edmund von Heyking starb 1915 und wurde in der Gruft unter der Schloss-Kirche beigesetzt.

Elisabeth von Heyking hatte der Tod von Mann und Söhnen schwer getroffen. Aber sie kämpfte gegen die Schicksalsschläge an. Stets bleibt sie ihrer Grundgesinnung treu, dem Glauben an das Land. So schrieb sie an Paul Lindenberg: „ Aber wie auch immer: umsonst sind sie nicht gefallen. Es gibt doch auch einen heldenhaften Untergang“.

Das Schloss wurde zeitweise Lazarett für verwundete Soldaten des Kaiserlichen Heeres, Heimstatt für 20 arme Stadtkinder auf ihre Einladung und Kosten. Den Enkeln bot es Erholung aus dem schon hungernden Berlin.

Das Alles ging jedoch nicht spurlos an der Freifrau Elisabeth von Heyking vorüber, sie verließ zur Gesundung zwingend öfter das Schloss zur Behandlung und....um ihre Tochter und die Enkel in Berlin zu besuchen. So auch im zu Jahresbeginn 1925. Auf dem Weg zu einem von ihr freudig erwarteten Treffen mit einem bekannten deutschen Professor der Philosophie, ereilte sie noch im Anwesen der Tochter, auf dem Weg zur Kutsche, ein doppelter Schlaganfall, der sie nicht wieder in das Leben entließ.

In einem Sonderzug wurde ihre sterbliche Hülle von Berlin in ihr zu Haus, in das Schloss in Crossen an der Elster gebracht. Ihr Enkel Hasso von Raumes und dessen Onkel, der Diplomat Wolfgang Gans Edler zu Putlitz, welcher den Familienzwist wie einen Schatten übersprang, begleiteten die außergewöhnliche Frau auf ihren letzten Weg. Es war bitter kalt, als der Sonderzug auf dem Bahnhof Crossen eintraf. Ein Zeitzeuge berichtet: Ganz Crossen trauerte so, als habe jeder eine ihm Näherstehende verloren. Arme alte Frauen legten kleine Sträußchen auf den Sarg in der Gruft, in der Elisabeth von Heyking neben ihren Mann zur letzten Ruhe gebettet wurde.

„Niemand konnte sich dem Zauber dieser seltenen Frau entziehen. In keiner Weise legte sie es darauf an zu gefallen oder Aufmerksamkeit zu erregen. Sie war zurückhaltend in vornehmer Ruhe, ihre Sprache hatte einen schwingenden, musikalischen Klang. Nur der aufmerksame Beobachter empfand das starke Innenleben dieser Frau, die nur wenigen einen Blick in ihr Inneres gestattete, das in ihren Büchern zu tiefen Ausdruck gelangte. Ihr Leben war ein Roman, von Jugend an, und von Jugend an führte sie, die reich Begabte, ein Doppelleben: Hier die Frau der großen Welt, die Gattin eines Diplomaten, internationaler Verkehr, gastliches Haus, weite Reisen, dort die Stille. in sich Gekehrte, die sich wenig aus dem „Rauschenden Weltplunder“ machte, für dessen Narrheiten sie bloß ein leichtes Lächeln übrig hatte .“

(Zitat des Schriftstellers Paul Lindenberg, aus dem Buch des Autors Armin Stromere „Die Frauen der Brentano“,Seite 255)

Die Freifrau Elisabeth von Heyking, geborene Gräfin von Flemming ist als eine von den berühmten Frauen der von Brentano’s in deren Geschichte eingegangen. Ein weiterer Grund, sich vor der Toten zu verneigen.